Test: D16 Group Toraverb 2

Dass die Entwicklung bei Raumsimulatoren noch nicht zu Ende ist, zeigt Toraverb und bietet Features, die man anderswo in dieser Kombination nicht findet. Aber klingt Toraverb auch gut? Und wofür eignet sich die neue Kreation des polnischen Entwicklerteams?

Wie haben schon einige Plug-ins der D16 Group getestet: Decimort 2, Redoptor, Antresol, Sigmund und die PunchBox. Alle haben gleich eine ganze Reihe von Besonderheiten zu bieten und sind angenehm kundenfreundlich bepreist. Genau diese Eigenschaften treffen auch auf Toraverb 2 zu.

Recording und Studiotechnik

 

Die Besonderheiten von Toraverb

1: Toraverb verfügt über ein wahlweise temposynchrones Pre-Delay. Hier können ganze, punktierte und triolische Notenwerte ausgewählt werden.

2: Frühe Reflexionen und Hallfahne sind jeweils mit einem eigenen EQ mit Multimode-Filter ausgestattet. Die Filter sind den beiden Blöcken Early Reflections und Late Reflections jeweils nachgeschaltet, liegen also nicht in einem Feedback-Weg. Early Reflections und Hallfahne verfügen jedoch über einen zusätzlichen Dämpfungs-Regler (Attenuate), der eine sukzessive Höhendämpfung bewirkt, wie sie bei höhenabsorbierenden Materialien wie stoffbezogenen Wänden real vorkommt.

3: Early und Late können neben dem Stereo-Betrieb in den M/S-Modus geschaltet werden: Nun kann man Mittel- und Seitensignale separat mit Frühen Reflexionen und Hallfahne gestalten.

4: Ducking mit Attack/Release-Anpassung sorgt dafür, dass das Effektsignal bei einem hohem Pegel des Originalsignals heruntergefahren wird, quasi ein eingebauter kleiner Kompressor, der nur auf das Effektsignal wirkt. Dadurch überlagert der Hall nicht die wichtigsten, dynamisch hervortretenden Anteile des Signals; Hall- und trockenes Signal konkurrieren nicht miteinander. Stimmen klingen selbst bei üppiger Beigabe eines Halls verständlicher und transparenter als ohne Ducking. Der Mix wirkt insgesamt aufgeräumter und offener, ohne dass dabei der Raumeindruck geschmälert würde. Der Regler Att./Rel. verleiht dem Ducking eine manuelle Anpassung an die Dynamik des eingehenden Signals von 2ms Attack und 50ms Relese bis zu 16ms Attack und 400ms Release. Ducking mit AR-Parametern ist mir bei Raumsimulatoren bislang noch nicht begegnet.

Im Signalfluss-Diagramm von Toraverb kann man sehr schön erkennen, wo das Ducking einsetzt. Nicht eingezeichnet sind die Dämpfungs-Filter.

 

Presets

Wie auch die anderen Effekte der D16 Group bietet Toraverb 2 eine ganze Reihe von Presets, die man über den Browser-Taster in der Kopfzeile aufruft:

Die Attribute-Filter erleichtern die Suche nach dem richtigen Hall. Nicht-lineare Halls eignen sich besonders für Dance/Groove-Effekte und Klangexperimente.

Hier das Preset Cycle of Life für eine Stimme aus Soundirons Voices of Rapture/The Alto:

 

Aural Hall bietet eine unaufdringliche, sehr authentisch wirkende größere Räumlichkeit:

 

Stellt man die Late Reflections auf Large und den Feedback-Regler auf Maximum, so erreicht man bereits eine immens lange Halldauer von 47 Sekunden.

Dreht man den Diffusion-Parameter nach rechts Richtung Smooth, so kommt man sogar auf über 70 Sekunden. Es entsteht fast eine stehende Hallfahne:

 

Ohne Ducking hätte dieser extraterrestrische Mega-Hall puren Klangbrei verursacht.

Bei solch langen Hallfahnen kann man den Klang zusätzlich durch eine Automation der Parameter variieren. So kann man etwa den Filter-Cutoff und den Gain-Regler des EQ per MIDI-Controller oder Automation langsam herunterfahren. Die Steuerung über einen externen Controller funktioniert über MIDI-Learn: MIDI-Learn öffnet sich per Rechtsklick auf den Regler. Nun muss man nur noch einen MIDI-Kanal anlegen und diesen zu Toraverb 2 routen.

 

Auch der Attenuation-Regler eignet sich für animierte Klangveränderungen des Halls.

 

Der Regler Diffusion erzeugt in der Position Sharp linear verlaufende Echos und simuliert dann flache Wände, während runde oder unregelmäßig geformte Wände mit Rechtsdrehung Richtung Smooth simuliert werden. Im letzteren Fall werden die Echos dann chaotisch gestreut, und es ergibt sich ein unregelmäßiges Echo-Muster.

Modulation produziert sanfte Schwebungen durch leichte Tonhöhenveränderungen der Reflexionen. Solche Modulationen sind eine der Spezialitäten algorithmischer Reverbs, die diesen den viel gelobten musikalischen, organischen Klang verleihen.

Hier ein Beat aus dem Repertoire von Rob Papens Punch. Das Toraverb-Preset verwendet Smooth bei Diffusion, also unregelmäßige Wandformen. Ducking sorgt dafür, dass der mächtige Hall nicht die Transienten überdeckt:

 

Ein rhythmisch pulsierender Hall mit temposynchronem Predelay und diesen Einstellungen:

 

 

Early habe ich im M/S-Modus in der Mitte, Late auf den Seiten platziert:

 

So hört es sich an, wenn Early rechts und Late links platziert sind:

 

Mit flexiblen Mitte-Seite-Positionen von Early und Late wird man bei laufendem Playback zum Raumakustik-Architekten, wie man es bei kaum einem anderen Hall erlebt.

So sehen die Einstellungen der Early Reflections aus:

Anstatt des Feedback-Reglers der Hallfahne findet man hier Crosstalk: Ein Austausch von Reflexionen zwischen der rechten und linken Seite (bzw. zwischen Mitten-und Seitensignal im M/S-Modus).

 

Weitere Details

Unterhalb der Vorverzögerungsanzeige signalisieren zwei Wertefelder die Dauer der Frühen Reflexionen und der Hallfahne. Dabei handelt es sich um reine Displays, nicht um editierbare Felder.

Die Dauer der Early Reflections hängen von der Raumgröße (Regler Size, Small/Large) und der Streuung (Diffusion) ab. Unregelmäßig geformte virtuelle Wände (Stellung Smooth) bewirken, dass die Dauer der frühen Echos um etwa 30% zunimmt.

Die Dauer der Hallfahne steuert man über die Parameter Size, Feedback und Diffusion. Die maximale Dauer der Hallfahne liegt bei rund 74 Sekunden.

Die beiden EQ-Module in Early und Late sind identisch aufgebaut.

Das Filter bietet wahlweise Tief-, Band- und Hochpass, arbeitet mit 0,5 bis 4 Oktaven Flankensteilheit, mit einer Eckfrequenz von 20 Hz bis 22 kHz und einer Anhebung/Absenkung von bis zu 24 dB. Steilflankige Filter mit starker Anhebung produzieren Resonanzen in der Hallfahne, die für die Erzeugung irrealer, organisch klingender Räume verwendet werden können. Es klingt dann so, als würden sich die Wände im Zusammenspiel mit den Reflexionen regelrecht verformen.

 

Um zu zeigen, welchen Anteil der Effekt am Klangerlebnis hat, hier das trockene Signal:

 

Eine weitere Besonderheit ist die Art und Weise, wie zwischen trockenem und Effektsignal überblendet wird: Neben der üblichen linearen Kreuzblende besteht auch die Möglichkeit einer logarithmischen Überblendung:

Über das Schlosssymbol kann man den Effektanteil arretieren. Wechselt man dann zwischen verschiedenen Presets, so bleibt der Effektanteil immer gleich, unabhängig davon, welche Reglerstellung im jeweiligen Preset abgespeichert ist. Auf diese Weise kann man befreit durch die Presets zappen, ohne ständig den Dry/Wet-Anteil regulieren zu müssen.

 

Preset-Management und Sonstiges

Eigene Presets speichert man über den Save-Taster per STG + Klick ab (1), gibt zunächst einen Namen ein, klickt das Preset dann im aufgeklappten Browser an und wechselt zum Edit-Mode (2):

Dort kann man die Tags zu den Attributen Type und Tail auswählen (3). Neue eigene Presets werden bei jedem Start des Plug-ins gescannt und automatisch im Browser angezeigt. Eine umständliche manuelle Navigation quer durch die Rechnerhierarchie ist also nicht notwendig, um Eigenkreationen wiederzufinden.

Unten rechts finden sich weiterführende kleine Aufklappmenüs (4):

Hier stellt man die Qualität für das Live-Playback und das Rendering ein (aktuell Ultra/Ultra). Ich konnte in Cubase allerdings keinen nennenswerten Unterschied zwischen den vier Leistungsstufen von Draft bis Ultra heraushören, und auch die grafische Leistungsanzeige blieb weitgehend unbeeindruckt von dem Wechsel. Toraverb ist auch im Ultra-Modus zweifelsfrei livetauglich und beansprucht bei niedriger Latenz auf einem aktuellen Rechner etwa 10% der Rechenpower eines Kerns.

Über das kleine MIDI-Symbol kann man Controllermaps laden. Über das Lupensymbol/GUI wählt man zwischen zwei Größen der Oberfläche.

 

Weitere Klangbeispiele

Eine akustische Gitarre aus NI Session Guitarist Strummed Acoustic 2, Preset Surf Tango. Ich habe den Toraverb so eingestellt, dass der Raum weit und warm klingt, also mit starker Höhendämpfung:

 

Ohne Toraverb:

 

Hier eine Kreuzung aus einem euklidischen Beat (Soniccouture electroAcoustic und einem zweiten, sehr geradlinigen Groove aus Rob Papens Punch:

 

Zum Vergleich ohne die beiden Toraverb-Instanzen:

 

Audioqualität, Positionierung im Marktsegment

Ich habe Toraverb mit einigen Mitbewerbern verglichen. Angesichts des niedrigen Preises habe ich eigentlich erwartet, dass Toraverb in puncto Auflösung in den Höhen bei teureren Produkten nicht mithalten kann. Das passiert aber erst, wenn ich extrem rechenintensive Plug-ins wie etwa B2 von 2CAudio heranziehe, die bei niedriger Latenz kaum einsatzfähig sind. Bleibt man hingegen im Rahmen livetauglicher Kandidaten, die ebenfalls kaum mehr als 10% Rechenleistung eines Kern beanspruchen, so begegnet Toraverb auch namhaften Mitbewerbern auf Augenhöhe.

Dazu kommt, dass die beiden Optionen

  • separater M/S-Betrieb für Early und Late Reflections plus
  • Ducking mit Attack und Release

in dieser Kombination kein anderer Bewerber bietet.

 

Fazit

Toraverb 2 liefert eine ansprechende Klangqualität und punktet mit einigen Besonderheiten, wie etwa M/S-Modus und Ducking. Frühe Reflexionen und Hallfahne lassen sich separat und stufenlos von der Mittelposition bis zu den extremen Seitenpositionen des Stereopanoramas verteilen. Die Raumgestaltung erreicht damit eine neue Dimension, und es bietet sich an, eine extreme M/S-Verteilung mit nachfolgenden M/S-fähigen Plug-ins (wie etwa dem bx_PanEQ) weiter zu bearbeiten.

Bei laufendem Playback macht die Konstruktion nicht linearer Räume richtig Spaß. Bei Bedarf lassen sich die Raumparameter auch knackfrei über externe MIDI-Controller steuern, was weitere Spezialeffekte, etwa Glitches von Echoclustern, möglich macht.

Hier wird die zeitliche Verteilung der Frühen Reflexionen (Small – Large) und die Höhendämpfung per Automation moduliert:

 

Insgesamt klingt dieser Hall ausgesprochen gut und vor allem musikalisch, angenehm effektvoll. Er würde auch in der nächst höheren Preisklasse zwischen 100 und 200 EUR eine gute Figur machen.

Auch wenn warme, organische Räume mit schwebenden Hallfahnen gut gelingen, liegen die Stärken des Toraverb im Effekthall. Mit dem temposynchronen Predelay, einem gut dosierten Einsatz der Filter und an die Dynamik angepasstem Ducking sind bewegliche, pulsierende Räume möglich. Lediglich dokumentarische Räume nahe am Faltungshall sollte man von Toraverb nicht erwarten.

Die CPU-Last hält sich in erfreulich niedrigen Grenzen, auch bei maximaler Qualitätsstufe. Die Bedienung erschließt sich auch ohne Manual. Toraverb 2 ist ohne Einschränkung livetauglich. Das Preis-Leistungsverhältnis ist sehr kundenfreundlich.

Testautor: Holger Obst

 

Plus

  • warmer, organischer Hall
  • M/S-Verteilung für Frühe Reflexionen und Hallfahne
  • Ducking mit Attack/Release
  • separate Dämpfung für Frühe Reflexionen und Hallfahne
  • separate Filter für Frühe Reflexionen und Hallfahne
  • geringe CPU-Last
  • niedriger Preis

Minus

Preis: 69.- EUR (regulär, Stand: November 2017)

Hersteller: D16 Group

Hinweis: Die bearbeiteten Screenshots (mit Pfeilen und Nummern) habe ich mit TechSmith Snagit erstellt.

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