Test: Ueberschall Jazz Guitar

Audiodemos und Anwendungsbeispiele

Wir starten mit einer Kombination mehrerer Jazz Guitar Loops, zusammen mit dem Ueberschall Upright Bass und einem Beat aus dem Repertoire von Toontrack EZdrummer.

 

Upright Bass und Jazz Guitar bieten Loops in den selben Tonarten, was die Kombination einfach macht.

Das erste Audiodemo zeigt bereits, dass die Gitarrenloops in einwandfreier Audioqualität und zudem angenehm trocken vorliegen. So kann man problemlos mit Amp/Speaker-Siumlationen, Echo, Hall und anderen Effekten arbeiten, ohne Raumanteile zu erfassen, was den Klang verwaschen und letztlich unnatürlich machen würde.

Es wird auch schnell klar, welche Vorteile die Loops bieten – was die Authentizität betrifft: Hier wurden komplette Phrasen aufgenommen, die naturgemäß jeder klassischen Sample-Library überlegen sind: Jede Note verfügt über eine individuelle Phrasierung, über einen eigenen Klangcharakter. Kein Attack und Sustain klingt gleich, und auch bei den Übergängen zwischen den Noten braucht man sich keine Gedanken um Legato-Settings zu machen.

Dem steht entgegen, dass die Melodieverläufe vorgegeben sind. Allerdings erlaubt die Elastik Engine das Schneiden (taktsynchron und nach Notenwerten sowie manuell ohne Raster) und Kopieren von Fragmenten. Dabei kann man auch einzelne Noten herauslösen, die man transponieren oder effektvoll bearbeiten, etwa rückwärts ablaufen lassen kann. Doch dazu später.

Zunächst schauen wir uns die Möglichkeiten des Time-Stretch-Algorithmus an. Dazu ein weiteres Audiodemo. Ich schnappe mir einige Phrasen der Jazz Guitar 070 E und lade gleich die ganze Bank auf die Tastatur. Das geht nämlich auch – alternativ zum Laden einzelner Loops. Und, ganz wichtig: Eine Vorhörfunktion, temposynchron zum Host, gibt es auch.

Die ersten vier Loops aus der Bank sind zwei, vier und einen Takt lang.

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Diese kann man einspielen und im MIDI-Editor (hier in Cubase 8.5) anschließend hart quantisieren – oder gleich einzeichnen. Groove und Timing bearbeitet man im Falle von Loops, das sollte jedem klar sein, nie im MIDI-Editor, sondern, falls Bedarf besteht, in der Elastik Engine oder mit externen Hilfsmitteln nach Bouncen.

Während der Wiedergabe wechselt Elastik die Ansicht immer zum aktuellen Loop. So sieht der Viertakter aus (zweiter Loop unserer Passage):

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Und so hört sich das Ganze an:

 

Man beachte die nahtlosen und knackfreien Übergänge zwischen den einzelnen Loops. Hier hat Ueberschall akkurat gearbeitet. Die Qualität kommt bei unserem 128k mp3 Playback nicht ganz rüber, aber auch bei diesem Demo erkennt man wieder einige schöne Details, allen voran die kleinen aber feinen Unterschiede beim Pickung. Jedes Attack ist einzigartig. Dazwischen gibt es dezente Nebengeräusch, wenn die vibrierende Saite an das Griffbrett schlägt. Auch Rutscher von einer Griffbrettposition zur nächsten sind dabei. Und das alles perfekt eingewoben – ich muss es noch einmal sagen: Bei aufgenommenen Loops eine Selbstverständlichkeit, aber auch mit ausgefuchsten Sample-Gitarren so natürlich nicht reproduzierbar.

Jetzt schauen wir mal, was der Timestretch-Algoritmus so drauf hat. Ich stelle das Tempo von 70 BPM (das entspricht dem Tempo der Originalaufnahme) auf 50 BPM.

 

Die Qualität ist ausgezeichnet. Der Algorithmus unterscheidet offenbar zwischen Attacks und Sustains: Die Anschläge werden durch die Dehnung nicht verwischt, sondern bleiben unbeeinflusst markant. Die Sustainphase wird hingegen gedehnt. Dabei kommt es zwangsläufig auch zu einer Verlangsamung des Vibratos, was völlig in Ordnung ist, denn wir befinden uns ja nun in einer gemütlicheren Gangart. Hört man genau hin, so erkennt man, dass Nebengeräusche durch das Time-Stretching ein wenig unnatürlich klingen. Das fällt aber nur bei äußerst kritischer Betrachtung und isoliertem Hören des Solos auf. Im Kontext eines Arrangements liefern die gedehnten Nebengeräusche immer noch das Salz in der Suppe, während die partiellen Artefakte nicht mehr bewusst wahrgenommen werden dürften.

Verändert man das Host-Tempo, so werden alle geladenen Loops sofort angepasst. Die Berechnung ist Anno 2016 so schnell, dass dabei keine wesentliche Wartezeit mehr entsteht.

Nebenbei: Die umgerechneten Loops werden als Elastik Render Cache auf die Festplatte geschrieben. Will man nicht, dass Elastic Platz auf der Systemfestplatte beansprucht, kann man im Setup-Menü einen anderen Speicherpfad eingeben – und auch die Größe des Caches bestimmen.

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Selbst eine extreme Verlangsamung auf 35 BPM liefert noch gute Resultate:

 

Bei 140 BPM:

 

Technisch ist am Time-Stretching wirklich nichts zu bemängeln. Naturgemäß führt eine extreme Beschleunigung jedoch zu einem Vibrato, wie es ein echter Gitarrist so nicht spielen würde. Will man also rasend schnelle Läufe mit der Library gestalten, sollte man sich solche Loops heraussuchen, die dafür geeignet sind und wenig Vibrato enthalten.

Das probieren wir doch direkt einmal aus und testen dabei zugleich das Pitch-Shifting. Für schnelle Läufe eignen sich die Mute-Spielweisen, von denen es ebenfalls ein breites Angebot gibt. Will man denselben Loop mehrfach verwenden, so kopiert man ihn einfach mit gehaltener Alt-Taste auf einen anderen Key der virtuellen Tastatur.

Im Loopeys-Menü klickt man auf Edit und anschließend auf Pitch. Die Formantentransponierung wird automatisch auch aktiv: Im Fadenkreuz kann man vertikal die Tonhöhe anpassen (bis zu +/- 1 Oktave) sowie horizontal die Formanten transponieren.

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Es stehen drei Algorithmen bereit: Pro, Efficient und Transient. Ich bleibe mal bei Pro. Transient wäre für Drums und Percussion eine gute Wahl, Efficient für eine noch schnellere Bearbeitung (die bei heutigen Rechenleistungen kaum erforderlich sein dürfte).

Ich transponiere den kurzen Loop in Halbtonschritten bis zu einer Quinte, dann noch um eine Oktave nach oben und unten.

Die Originaltonart ist E-Moll. Transponierungen führen dazu, dass die Tonart gewechselt wird. Geht man einen Halbtonschritt nach oben, so wird aus E-Moll folglich F-Moll. Ein skalengetreues Pitch-Shifting beherrscht der Algorithmus leider nicht. Dazu müsste er einzelne Noten des Loops in ihrer Tonhöhe erkennen und separat shiften. Will man also einen Gitarrenlauf skalengetreu einen Ganztonschritt höher wiederholen oder aus E-Moll E-Dur machen, so muss man bouncen und dann externe Mittel hinzuziehen, etwa Celemony Melodyne, wo sich dann – je nach Ausstattung des persönlichen Melodyne-Pakets – noch ganz andere Möglichkeiten auftun. Ich will das hier nicht weiter vertiefen, sondern lediglich darauf hinweisen, dass viele Ueberschall Libraries ganz hervorragendes Material für Kompositionen mit Melodyne liefern.

 

Eine Transponierung der Formanten habe ich hier noch nicht vorgenommen und hole dies nun nach. Die Oktavtransponierung wird nun etwas zu laut und muss im Pegel angepasst werden. Auch das geht im Edit-Modus separat für jeden Loop. Gleichzeitig verändere ich die Panoramaposition der Loops, um etwas mehr Abwechlung hinzeinzubringen – mit folgendem Ergebnis:

 

Nun kombinieren wir das Pitch-Shifting mit dem Time-Stretching und verlangsamen das Ganze auf 50 BPM (Originaltemo ist 70 BPM) – ein Härtetest:

 

Es zeigt sich, dass extremes Dehnen und Pitch-Shifting Grenzen aufzeigt: Die Oktavtransponierungen klingen nun unnatürlich. Aber solche Einstellungen wird man in der Praxis kaum verwenden. Bis zu einer Quinte sind die Ergebnisse selbst dann immer noch gut.

Wie eingangs schon erwähnt, eignen sich die Loops der Jazz Gitarre auch für die Bearbeitung mit Effekten. Im folgenden Audiodemo habe ich die Gitarre mit dem STA Enhancer von Audified und Bias FX Professional (Amp-Simulation mit Effektboard) bearbeitet. Hinzu kommt eine Drum-Improvisation aus Toontracks Jazz EZX für den EZdrummer. Hier habe ich zudem Eventides Omnipressor dezent für die Drumgruppe eingesetzt.

 

Und weil´s so schön ist, gleich nochmal:

 

Zur Abwechslung mal etwas Langsameres:

 

Die Gitarre spielt hier in A-Moll. Den Upright Bass (aus Ueberschall Upright Bass) habe ich von C-Moll auf A-Moll mittels Pitch-Shifting transponiert. Als Effekte kommen wiederum Positive Grid Bias FX für die Gitarre und Brainworx Bassdude für den Bass zum Einsatz. Die Drums (Toontracks EZdrummer, EZX Jazz laufen über Eventides UltraChannel.

Neben der riesigen Auswahl an Licks gibt es auch noch die FX-Abteilung.

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Hier geht es weniger um Effekt-Spielweisen wie etwa isolierte Slides oder Griffbrettgeräusche, sondern vielmehr um Licks, bei denen die Gitarre (überwiegend) mit Echo und Hall bearbeitet wurde.

Oftmals handelt es sich dabei um kurze, geschmackvolle und stilsichere Improvisationen. Die Loops wurden ausreichend lange belassen, um das Ausklingen der Echos vollständig wiederzugeben, wie man in der folgenden Abbildung der Wellenform sehr schön erkennen kann:

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Hier eine Auswahl von Licks, wieder mit EZdrummer als Begleitung:

 

Die FX-Licks eignen sich wenig für zusätzliche Effekte, doch die Gitarre bringt bereits einen sehr angenehmen Ton mit sich, der Gitarrist, der hier eingespielt hat, setzt die Echo- und Halleffekte gefühlvoll in Szene.

Bevor wir zu kreativen Arbeiten an den Loops kommen, eine kurzes Statement zu Elastik 2:

Ueberschall geht seit mehr als 10 Jahren eigene Wege: Elastik 2 ist ein auf Loops spezialisierter Sample-Player, der in seiner Bedienung und Ausstattung mit Funktionen einzigartig ist und über einen eigenen Reiz mit speziellem, schnell erlernten Workflow verfügt.

Ich persönlich würde mir Elastik 3 mit einem etwas weniger kantigen und schlichten Design oder wenigstens mit alternativen Farben wünschen, außerdem mit dem Luxus, tonale Loops auch skalengetreu zu transponieren. Zplane bietet mit der Software Vielklang (Preis: 119.- EUR) hierfür eine gute Lösung an, die es sogar erlaubt, aus einer monofonen Darbietung ein bis zu vierstimmiges Ensemble zu generieren – mit skalengetreuer Transponierung, Tonartwechseln und Gestaltungsmöglichkeiten der Stimmführung. So viel muss ja gar nicht unbedingt sein.
Ein Vielklang Light in einer dann vielleicht kostenpflichtigen alternativen Engine 3 Pro wäre sicher eine Lösung, die viele User begrüßen würden.

Uwe Kinast von Ueberschall schreibt dazu:
Die Kritikpunkte GUI und fehlender Skalenmode können wir gut nachvollziehen. Zur Zeit arbeiten wir an der Elastik 3 Version, die noch dieses Jahr erscheinen soll und eine komplett überarbeitete GUI haben wird. Hier wurden viele Vorschläge von unseren Usern mit eingebaut. Andere Farbgebungen, bessere Browser Darstellung und noch einige Features, die wir noch nicht verraten wollen.
Zum Thema Skalenmode gibt es aktuell eine sehr spannende neue Entwicklung aus dem Hause Zplane.
Zplanes neustes Plug-in heißt „reTune“. Mit reTune ist es möglich, in Realtime polyphones Audio Material in eine beliebige andere Skala zu transformieren.
reTune wird auch ein neues Highlight in Elastik 3 werden, auf das wir uns jetzt schon freuen.