Test: Eventide UltraReverb

Algorithmische Reverbs aus der Edelschmiede Eventide gehören zur Crème de la Crème der Raumsimulatoren und blieben bis vor Kurzem den Besitzern der sündhaft teuren Hardware vorbehalten. Mit dem UltraReverb stehen nun neun Hall-Algorithmen des Eventide-Flagschiffs H8000 zur Verfügung – zu einem Bruchteil des Hardware-Preises.

Recording und Studiotechnik

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Rückblick

Eventide blickt auf eine rund 35 jährige Firmengeschichte zurück. Als einer der ersten digitalen Hallerzeuger setzte der SP 2016 Mitte der 80er Jahre Maßstäbe. Das Gerät ist heute noch wegen seines eigenständigen Klanges gefragt (und auch als Plug-in erhältlich).

Frühe Meilensteine digitaler Klangbearbeitung waren der H910, der Mitte der 70er Delay und Pitch-Shifting kombinierte und quer durch die Liga der Pop- und Rock-Legenden von David Bowie bis Frank Zappa begeistert aufgenommen wurde, sowie der H3000, ein Multieffektprozessor mit erweitertem „intelligentem“ Pitch-Shifting und einzigartigen Modulationsmöglichkeiten.

1998 besuchte ich ein Konzert des Experimental-Gitarristen Jorge Reyes in Uruapan/Mexiko, das mir immer in Erinnerung bleiben wird. Reyes zauberte mit seiner Gitarre und einem Eventide H3000 unglaubliche Klangkollagen, die in mir den spontanen und unbändigen Wunsch weckten, mir ebenfalls eine solche Wunderkiste zuzulegen.

Mit steigenden CPU und RAM-Kapazitäten folgten mit dem Orville und dem aktuellen H8000 Modelle, die mehrkanalfähig in hoher Auflösung und Samplerate erweiterte Effektalgorithmen in höchster Audioqualität bieten.

Auch in Zeiten eines breiten Angebots teils sehr ausgefallener und ambitionierter Plug-ins stellen die Eventide-Flagschiffe der letzten fünfzehn Jahre nach wie vor unerreichte Kreativ-Kraftpakete mit einzigartigen Optionen für edles Klangdesign dar.

Wenn nach den Plug-ins H3000 Factory und UltraChannel nun auch UltraReverb Einzug in den PC oder Mac halten, wird die Hardware mit ihren ebenso vielseitigen wie erlesenen Klangwerkzeugen nicht überflüssig – trotzdem darf man gespannt sein, wie sich die Software-Auskopplungen im Reich der nativen Lösungen schlagen.

Ist der UltraReverb also ein echtes Highlight, zwar nativ und günstig aber trotzdem auf einer Linie mit der Eventide-Philosophie? Oder ist er nur ein weiterer nativer Hallerzeuger unter vielen?

 

Überblick

UltraReverb hat mehr als „nur“ einen Hall an Bord:

Das Plug-in bietet

  • 9 Hallalgorithmen aus dem Eventide H8000: je zwei Hall-, Room-, Chamber-, Plate- sowie einen Ambience-Algorithmus,
  • ein temposynchrones Stereo-Delay, welches vor oder nach dem Hall greift,
  • einen Kompressor, ebenfalls pre- oder post-Reverb
  • vier teils vollparametrische Equalizer: Pre-EQ, Post-EQ, Reverb-EQ und Delay-EQ
  • Sonderfunktionen wie eine Hallfahnen-Randomisierung (Reverb Tail Randomisation aus dem Eventide H949 Harmonizer), Hall-Modulationsparameter und Lo-Fi-Parameter
  • Mehr als 300 Werksvorlagen
  • Snapshot-Funktion mit direktem Zugriff auf 32 Presets sowie Morphing-Option
  • volle Automationsfähigkeit

 

 

Installation

Auf der Eventide-Produktseite finden sich Buttons zum Download (rund 30MB) der Demo- wie auch der Vollversion, für die man nach dem Erwerb eine Lizenz für den iLok erhält. Ein iLok Konto reicht aus: Da auch die Workstation selbst autorisiert werden kann ist ein iLok-Dongle nicht zwingend erforderlich.

Während der Installation kann der Speicherplatz für das Plug-in gewählt und entschieden werden, ob man die Presets ebenfalls installieren möchte – was ich nur empfehlen kann, auch wenn man, wie sich im Weiteren noch herausstellen wird, mit diesem Reverb sehr spielerisch umgehen kann und schnell eine ganze Reihe eigener Kreationen abspeichern wird.

Diesen Screenshot habe ich wegen der schönen Eingeborenenmaske gemacht:

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Hat man die Lizenz vom iLok Account via iLok License Manager auf den Dongle oder in die DAW verfrachtet, kann man sofort loslegen. Weitere Schritte, wie etwa das Anlegen eines User-Accounts, sind nicht notwendig. Zumindest war dies in unserem Fall so. In der Bedienungsanleitung ist hingegen eine Installations- und Aktivierungsprozedur mit Activation-Code und Seriennummer beschrieben.

Eventide_UltraReverb_Bild3

 

UltraReverb liegt plattformübergreifend in den Formaten AU, VST 2 und AAX (alle 32 und 64 Bit) vor.

 

Erste Klangeindrücke

Bevor wir uns die Module und Funktionen des UltraReverb im Detail ansehen, sollen einige Klangbeispiele anhand der Werksvorlagen erste Eindrücke verschaffen. Den Preset-Browser erreicht man links oben über das Namensfeld des Presets.

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Die Werksklänge unterteilen sich in die Hauptkategorien Buss und Insert. Innerhalb dieser Kategorien sind sie nach Algorithmen, Instrumenten/Anwendungen und den Namen einiger beteiligter Halldesigner geordnet. Dort finden sich besonders abgedrehte Hallvarianten jenseits des Physikalisch-Natürlichen.

Die oberste Kategorie AND (im Screenshot oben) habe ich übrigens selbst angelegt. Wenn man mit UltraReverb unterwegs ist, hat man schnell eigene Konfigurationen erstellt, die man über den Load-Save-Dialog unproblematisch in einem neuen Ordner mit eigener Namensgebung abspeichern und wieder aufrufen kann. Angenehm ist, dass UltraReverb den Pfad dorthin selbst findet – lästiges Navigieren auf der Suche nach eigenen Presets (wie bei manchem Mitbewerber) entfällt.

Hier zunächst ein trockener Beat aus dem Repertoire von Steinbergs Groove Agent 4:

 

Nun mit dem Preset Dwum Woom, welches den Algorithmus Room 1 benutzt:

 

Nichts Spektakuläres, das soll es aber auch nicht sein: UltraReverb liefert eine warme, runde Raumakustik; die Hallzeit beträgt eine Sekunde.

Dazu der Screenshot:

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Neben dem Hall kommt lediglich der Hall-Equalizer mit einer dezenten Höhenabsenkung sowie der Kompressor zum Einsatz, der die Lautstärkehöhepunkte unseres Beats um etwa 2dB absenkt. Maßgeblich für das typische Echocluster kleiner Räume ist der Hallalgorithmus, nicht die frühen Reflexionen, die mit -90dB kaum zum Tragen kommen.

Deutlich weicher präsentiert sich Room-Algorithmus 2, hier mit dem Preset 480esque Large Room, dessen Namen eine klangliche Verwandschaft zur legendären Lexicon 480L-Hallkonsole signalisiert.

 

Hier wirken Early Reflections und Haupthall (Hallfahne, Tail) zusammen. Hinzu kommt lediglich eine minimale EQ-Bearbeitung, kein Kompressor, keine Echos.

Bei den beiden Audiodemos habe ich den Hall, um ihn deutlich hörbar zu machen, etwas laut eingestellt (via Send-Effektweg in Cubase 7). Wie natürlich er klingt, kommt besser zum Vorschein, wenn man ihn dezenter hinzu mischt. Eine alte Tontechnikerweisheit besagt, dass man Hall erst hören sollte, wenn man ihn ausschaltet. Daher habe ich ihn im folgenden Audiodemo deutlich niedriger dosiert – aber mehrfach ein- und ausgeschaltet:

 

Das Preset 80th Synth Delay ist dem Namen nach nicht für Drums gedacht, kann diesen aber auch erfolgreich zu mehr Groove verhelfen:

 

Ebenso das Preset Drum Vibes. Auch hier kommt neben dem Hall (Algorithmus Ambience) das temposynchrone Echo zum Einsatz:

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Bei einem solchen Effekt-Hall gilt natürlich die oben zitierte goldene Regel nicht mehr. Hier darf es ruhig etwas heftiger zur Sache gehen.

Das Preset Air Movement von Gary Hall verfrachtet unseren Drummer in einen sich verbiegenden Blechtank:

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Solche Effekte werden durch die Modulation der Hallfahne erreicht – eine Spezialität des Eventide UltraReverb.

Das Preset ML Impact Maker; die Stimme hat uns Joseph Trumbo geliehen (aus der Sample-Library Soundiron Voice of Rapture – The Bass):

 

Das Preset Lurking in Metal von Richard Devine bietet einen weiteren Metallbehälter auf Basis des Ambience-Algorithmus. Für das folgende Audiodemo mit der Stimme von Francesca Genko habe ich das trockene Original auf -10dB heruntergefahren. Der Hallanteil ist doppelt so laut wie das Originalsignal. Das kann man wirklich nicht mit jedem Reverb machen, da hier jede Schwäche, etwa raue Reflexionscluster in der Hallfahne oder unnatürlich hervorspringende frühe Reflexionen sofort hörbar werden. Eventides UltraReverb kennt solche Probleme nicht und liefert einen ausgezeichneten, runden Raumklang.

 

Solche Effekte zielen eindeutig nicht nur auf experimentelle musikalische Anwendungen, sondern auch auf Post-Production.

Das Preset Tin Can Plate von Colin Newman benutzt den Algorithmus Plate 1und produziert einen unauffälligen aber in sich absolut stimmigen kleinen Raum. Im folgenden Audiodemo, wieder mit der Stimme von Francesca Genko, habe ich den Hall mehrfach ein- und ausgeschaltet, um die Wirkung zu verdeutlichen:

 

Die Architektur

UltraReverb ist ein halbmodulares System. Die Module Kompressor und Echo können sowohl vor als auch hinter dem zentralen Hallmodul platziert werden. Während das Echo unmittelbar vor oder hinter dem Hallmodul eingesetzt werden kann, findet der Kompressor entweder ganz zu Beginn der Modulkette oder ganz am Ende, direkt vor dem Ausgang seinen Platz. Das folgende Signalfluss-Diagramm verdeutlicht dies:

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Pre- und Post-Equalizer finden sich fest verankert vor und nach dem Echo/Hall-Komplex, der Lo-Fi-Effekt ebenso unverrückbar hinter dem Post EQ. Er ist also nicht Bestandteil des Hallmoduls, wie es die Struktur der Benutzeroberfläche suggeriert.

 

Das Hallmodul

Auch wenn Kompressor, Echo, Equalizer und das Lo-Fi Modul einen erheblichen Einfluss auf den Klang des Raumes haben, ist das Herzstück natürlich das Hallmodul. Daher fangen wir mit unserer Detailbetrachtung hier an.

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Nach einer Vorverzögerung (Pre Delay) wird zunächst die Streuung definiert, anschließend geht es parallel weiter zu den Early Reflections (Frühe Reflexionen) und zum Haupthall (auch Hallfahne oder Tail). Beide parallelen Stränge werden schließlich zum Gesamthall gemischt.

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UltraReverb verfügt dabei nicht über einen, sondern über neun alternative Hallerzeuger, sprich Algorithmen, die alle ihre eigenen Basischarakteristika und Klangfarben mitbringen:

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Zu den einzelnen Parametern:

  • Predelay: Die Vorverzögerung für alle folgenden Module (Diffusion, Early Reflections, Reverb Tail). Steht der Hörer nahe an der Schallquelle, so wird er immer erst den Direktschall, dann mit Verzögerung die Reflexionen des Raumes wahrnehmen. Je größer der Raum, desto länger das Predelay. Der Schall legt in 20 Millisekunden eine Strecke von rund sieben Metern zurück (rund 340 Meter pro Sekunde). Für kleine und mittlere Räume ist daher ein Predelay von 20 bis 40 Millisekunden geeignet (Strecke Schallquelle → reflektierende Wand → Hörer), für Kathedralen und Amphitheater darf es ein Vielfaches dessen sein.
  • Diffusion: Die Streuung bestimmt die übergreifende Reflexionsdichte für Early Reflections und Tail. Je höher die Dichte, desto ausgewogener, wärmer wirkt der Raum, je geringer, desto mehr können einzelne Reflexionen oder Echomuster wahrgenommen werden.

Im folgenden Audiodemo habe ich im Algorithmus Hall 1 …

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… mit einer Hallzeit von einer Sekunde den Wert für die Dichte per Automation kontinuierlich von 0 auf 100% erhöht.

 

Der Übergang von einem Cluster-Echo zu einem dichten Hall, bei dem man einzelne Reflexionen nicht mehr wahrnehmen kann, ergibt sich erst bei hohen Diffusion-Werten ab 80%.

Hier mit den selben Einstellungen (einschließlich Animation des Diffusion-Parameters) aber dem Algorithmus Chamber 2, der einen dichteren Raumklang erzeugt:

 

Ähnlich hört sich Plate 1 an:

 

Im Algoritmus Ambience werden die Echo-Cluster gleichmäßiger verteilt und treten nicht so deutlich hervor wie beim Hall-Algorithmus, ein gänzlich dichter Raumklang ergibt sich jedoch erst bei annähernd 100% Diffusion.

 

  • Early Reflection Level: Hier stellt man die Lautstärke der Frühen Reflexionen ein. Deren Verteilung ist nicht weiter justierbar und ergibt sich aus dem gewählten Algorithmus, hängt jedoch indirekt auch von der Raumgröße (Room Size) ab, da diese die vorgeschaltete Diffusion beeinflusst.
  • Tail Level: Lautstärke der Hallfahne.
  • Predelay, Early Reflection, Diffusion und Tail können auch komplett ausgeschaltet werden. Ein Ausschalten der Module Diffusion und Early Reflections bewirkt dabei nicht das selbe wie deren Minimal-Parameterwerte von 0% und 0ms. 0% Diffusion bewirkt immer noch eine minimale Streuung und produziert hörbare Reflexionen. Early Reflections 0ms bewirkt eine leichte Verzögerung beim Einsatz des Tails, der ein internes Predelay verfügt, welches durch Early Reflexions beeinflusst wird (im Blockdiagramm oben nicht dargestellt). Schaltet man Predelay, Diffusion und Early Reflections aus, so setzt Tail ohne Zeitverzögerung ein.
  • Decay Time: Die Zeit, die vergeht, bis die Lautstärke des Halls sich um 60dB verringert hat, einstellbar von 100 ms bis zu sagenhaften 100 Sekunden.
  • Room Size: Die Raumgröße beeinflusst das Diffusion- und das Tail-Modul. Die letzten Audiodemos sind alle mit einer Raumgröße von 50% entstanden. In der Praxis wirken sich Veränderungen der Raumgröße vor allem in Kombination mit höheren Ausklingzeiten (decay) deutlich hörbar aus. Hohe Werte bei der Raumgröße führen dann zu einem sehr lebendigen Hallklang; man hat das Gefühl eines schwingenden Netzes von Raumreflexionen, während eine geringe Raumgröße zu einem eher gleichförmigen. statischen Halleindruck führt.

Hier Chamber 2 mit 100% Diffusion und Room Size 0%, Decay Time 4,0 Sekunden:

 

Nun dieselben Einstellungen, jedoch mit einer Raumgröße von 100%:

 

  • Glide Time: Nun bietet UltraReverb auch die Möglichkeit, die Raumgröße zu automatisieren, um besondere Halleffekte zu erzielen. Durch die Verschiebung der Reflexionen ergeben sich Tonhöhenveränderungs-Effekte. Mittels Glide Time (250 ms bis 10 sek) lässt sich einstellen, wie schnell oder langsam beziehungsweise weich diese Pitch-Shift-Effekte klingen.

 

Fließende Veränderungen der Raumgröße meistert UltraReverb sauber und artefaktfrei. Auch die CPU-Last hält sich mit etwa 10% bei ultrakurzer Latenz von etwa 7 ms in sehr moderaten Grenzen und steigt durch solche variablen Echtzeitberechnungen nicht spürbar an.

  • Mod Depth und Mod Rate: Auch hier geht es um eine Tonhöhenmodulation, jedoch ohne die Notwendigkeit einer Automation und einzig bezogen auf die Hallfahne. Die Stärke (in Prozent) und Geschwindigkeit (von 0 bis 20 Hertz) kann eingestellt werden. Bei geringer Stärke und Geschwindigkeit ergeben sich subtile Veränderungen des Raumklanges, die natürlich klingen und im realen Leben etwa durch Luftbewegungen hervorgerufen werden können. Im musikalischen Kontext werden solche Modulationen nicht bewusst wahrgenommen, tragen aber dazu bei, dass der Raumklang als angenehm und lebendig empfunden wird. Schnellere Modulationen und eine höhere Modulationsstärke gewinnen hingegen Effektcharakter und können beispielsweise verwendet werden, um eine unheimlich-mystische Klangkulisse zu erzeugen.

Im folgenden Audiodemo hören Sie zunächst einen trockenen Nonnenchor, eingespielt mit Best Service Mystica:

 

Nun mit UltraReverb, Algorithmus Plate 1, hier noch ohne Modulation:

 

Mit einer Modulationsrate von sechs Hertz und einer Stärke von 30% werden Tonhöhenänderungen im Tail bereits wahrnehmbar:

 

Als weiteres Beispiel für eine Modulation der Hallfahne hier noch ein Fiel-Recording aus Geosonics. UltraReverb (mit einer 15 Sekunden langen Ambience, 100% Modulation bei 9 Hertz) habe ich langsam eingeblendet. Soweit Rauschen zu hören ist, stammt dies vom Windgeräusch aus Geosonics.

 

  • Lo Fi: Der bereits erwähnte Lo-Fi-Effekt, ein Bit-Reducer, der, obwohl hier platziert, nicht Bestandteil des Tail-Moduls ist, sondern am Ende der Signalkette (vor dem Post-Kompressor) zum Einsatz kommt. Je nach Algorithmus und Halleinstellungen kann er für eine digitale Rauheit im Vintage-Stil bis zu drastischen, destruktiven Effekten eingesetzt werden.

 

Das Stereo-Echo

Für den linken und rechten Kanal können individuelle Echos mit 0 ms bis zu 1 sek eingestellt werden, alternativ temposynchron zum Host-Sequencer einschließlich punktierter Noten, Triolen und 5/16tel, 7/16tel sowie temposynchron zu einem manuell eingegebenen Tempo. Letztere Option erlaubt beispielsweise, knapp vom Tempo abweichende Echos zu generieren und einen allzu maschinenartigen Groove zu vermeiden.

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Die Echos können vor oder hinter dem Tail platziert werden, auch ist es möglich, UltraReverb als reinen Echo-Effekt zu betreiben, indem man die anderen Module ausschaltet.

Im folgenden Audiodemo habe ich nur das Echo aus UltraReverb verwendet und den Effekt ab Mitte des ersten Durchgangs des Beats eingeblendet. Im dritten Durchgang habe ich das Lo-Fi-Modul langsam auf 12% hochgefahren und damit den Echo-Effekt etwas verwischt.

 

Hier die gesamte Einstellung mit EQ und Kompressor:

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Von den kreativen Möglichkeiten einer Kombination aus Delay- und Hallmodul zeugen einige Presets, die in der Kategorie Delay des Browsers zu finden sind. Den folgenden Beat habe ich mit einem spanischen Cajon und Cohongas aus Quantum Leap Stormdrum 3 eingespielt. Dabei habe ich in Stormdrum 3 ausschließlich die Close-Mikrofonierung verwendet, um Raumanteile weitgehend außen vor zu lassen:

 

Cajon und Cohongas habe ich auf separate Stereo-Ausgänge gelegt und über die Send-Wege zwei unterschiedliche Delay-Presets aus Ultraverb verwendet:

 

Equalizer

Vier Equalizer sind an Bord. Deren Kurven werden farblich voneinander abgesetzt. Die EQs können über Anfasser im Kurvendisplay oder über die Parameterfelder darunter eingestellt werden. Zudem ist eine Animation möglich, sodass auch fließende Veränderungen der Klangfarben für Effekt-Hall-Anwendungen realisierbar sind.

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  • Für den Tail steht eine Tiefen- und Höhenabsenkung in Form von Shelving-Filtern bereit. Deren Frequenz und die Stärke der Absenkung (bis -18dB) ist wählbar.
  • Pre- und Post-EQ sind dreiband-vollparametrisch und können bei Bedarf mit einer extrem hohen Flankensteilheit eingesetzt werden. So kann man beispielsweise feinste Resonanzen in den Raum zeichnen und diese als extravaganten Effekt sogar noch per Animation verändern. Das untere und obere Band kann wahlweise auch als Shelving-Filter eingesetzt werden.
  • Für das Echo-Modul steht ebenfalls ein Dreiband-EQ bereit: Hier mit vollparametrischen Mitten, Tiefen und Höhen, die letzten beiden alternativ mittels Shelving-Filter.

Mit den Equalizern lassen sich die Materialeigenschaften eines Raumes von natürlichen Umgebungen wie Stein, Glas, Holz bis zu gedämmten, möblierten Ambiences genau formen. Darüber hinaus sind auch ausgefallene akustische Architekturen mit effektvollen Resonanzen möglich.

Im folgenden Audiodemo hören Sie wieder die Cohongas, UltraReverb mit dem Algorithmus Room 2, langem Decay aber geringer Raumgröße. Die Tiefenabsenkung des Tails per EQ fahre ich langsam zurück, wodurch der Algorithmus mehr Energie erhält und zunehmend metallische Raumresonanzen bildet. Mit dem Post EQ habe ich die Höhen angehoben, um diese metallischen Resonanzen etwas zu schärfen.

Starteinstellung:

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Zieleinstellung am Ende der Automation:

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Bedrohliche, höhlenartige Atmosphären erreicht man, indem man mit dem Pre-EQ die Bässe anhebt. Hier ein Versuch mit dem Algorithmus Ambience.

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Als Instrument kommt wieder der bereits bekannte Cajon zum Einsatz:

 

Wieviel dabei die EQs ausmachen wird deutlich, wenn man sie ausschaltet:

 

Der Kompressor

Als weiteres nützliches Werkzeug bietet UltraReverb noch einen ausgewachsenen Kompressor mit Threshold, Ratio (1:1 bis 100:1), Attack, Release, Knee (für den weicheren Einsatz) und Gain (Anpassung des Ausgangs-Levels).

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Der Kompressor kann nicht nur vor- oder hinter dem Reverbmodul zum Einsatz kommen, sondern bietet als Besonderheit auch drei Modi, erreichbar über das kleine Key-Aufklappmenü unten rechts im Modul.

  • Im Modus Comp Input reagiert der Kompressor auf das Signal, wie es sich aus seiner Platzierung im Signalfluss ergibt.
  • Im Modus Plug-in Input reagiert der Kompressor auf das trockene Originalsignal, auch wenn er hinter dem Hallmodul platziert ist. Hiermit lässt sich bewirken, dass der Hall bei hohen Amplituden des Originalsignals per Kompression in der Lautstärke zurückgefahren wird. Auf diese Weise lassen sich unerwünschte Überlagerungen des Originalsignals durch einen zu dominanten Hall vermeiden. Das Klangbild wirkt aufgeräumter und transparenter, obwohl der Hall nach wie vor zum Tragen kommt und die Raumcharakteristik definiert.
  • Im Sidechain-Modus wird der Kompressor durch ein externes Signal getriggert. Im Moment funktioniert dieser Modus allerdings nur in den Plug-in-Formaten AAX und AU. Die VST 2 –  Version erlaubt kein Sidechaining. Eine VST 3 – Version ist, wie uns der Hersteller mitteilte, in Arbeit

Die Entscheidung, ob man den Kompressor vor oder hinter den Hall routet, ist für den Klang des Halls maßgeblich: Vor dem Hall ist es je nach Einstellung möglich, das Attack oder Sustain des anliegenden Signals herunterzufahren und so beispielsweise zu vermeiden, dass der Hall auf zu starke Impulse eines Drumbeats übermäßig reagiert.

Hinter dem Tail kann man mit dem Kompressor den erzeugten Hall verdichten und in seinem Lautstärkeverlauf beeinflussen oder einen Klang erzielen, der nahe am Gate-Reverb liegt.

Im folgenden Beat habe ich Toontracks EZDrummer 2 eingesetzt und dort Ambience und Reverb im internen Mixer heruntergefahren (Tutorial zum EZdrummer 2). Das Snare-Mikrofon habe ich auf einen zweiten Ausgang gelegt, und für Bassdrum, Hi-Hat und Becken einen andere Instanz von UltraReverb eingesetzt. Beim Hall für die Snare habe ich mit steilflankigen Filtern im Post EQ die im Hall entstandenen Resonanzen betont, um einen sehr eigenständigen, metallischen Klang zu erreichen.

So hört sich der Beat ohne die beiden UltraReverb-Instanzen an:

 

Hier die Screenshots, zunächst der Hall für die Snare:

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Was man auf dem Screenshot nicht erkennen kann: Der Kompressor unterdrückt die Snare-Schläge um bis zu 18dB, was über Output-Gain wieder aufgefangen wird. So entsteht fast ein Gate-Reverb.

Hier der Hall für Bassdrum, Hi-Hat und Becken:

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Neben dem Kompressor ist dort auch das Delay im Spiel.

Und so hört sich der transformierte Beat an:

 

Der Kompressor eignet sich auch dazu, eine kleine Ambience zu verdichten. Hier mit dem Algorithmus Room 2, Decay Time 100 ms und einem kurzen Spalback-Delay von 22,5 ms rechts und 37.5 ms links. Sie hören zunächst den unbearbeiteten Beat, dann schalte ich UltraReverb ohne Kompressor ein und schließlich den Kompressor hinzu:

 

Der Knackser beim Einschalten von UltraReverb sollte nicht weiter irritieren – in der Praxis wird man sicher nicht das Modul mitten im Song einschalten, sondern, wenn überhaupt erforderlich, über einen Kanalzug-Fader (Bus) oder intern über den Dry/Wet-Regler (Insert) einblenden.

 

Snapshots

Preset-Bearbeitungen können über zwei Bänke mit je 16 Snapshots, Current und Global, per Mausklick geladen werden. Global Snapshots stehen für jede UltraReverb-Instanz in jedem Projekt und jedem Preset zur Verfügung, Current Snapshots werden presetspezifisch abgespeichert. Hat man also ausgehend von einem Preset diverse Variationen in Form von Current Snapshots gespeichert, so sollte man das gesamte Preset abspeichern, damit die Current Snapshots beim erneuten Aufrufen dieses Presets wieder zur Verfügung stehen.

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Auch Global Snapshots können überschrieben und mit eigenen Favoriten belegt werden. Für jeden Snapshot kann ein neuer Name vergeben werden. Über Revert ist ekann während des Editierens nach dem Laden diverser Snapshots die vorangegangenen Bearbeitung wieder aufgerufen werden.

Das Ausprobieren von Snapshots zwischendurch bedeutet also nicht den Verlust vorangegangener Arbeiten. Außerdem kann man so via Snapshot-Abspeicherung und Revert mehrere kleine Variationen einer Parameterkonfiguration erstellen und auf unterschiedlichen Current Snapshots ablegen. Diese lassen sich dann später sogar per Animation aufrufen, was für effektvolle Übergänge zwischen verschiedenen Raumsimulationen führt.

Insbesondere bei Live-Einsätzen wird man gerne vom unproblematischen und schnellen Aufrufen unterschiedlicher Einstellungen via Snapshot Gebrauch machen.

Für den Vergleich zwischen dem Originalpreset und einer abweichenden eigenen Bearbeitung gibt es übrigens noch die Compare-Taste neben den Load/Save-Buttons des Browsers.

 

Bedienung

UltraReverb ist aufgrund einer bis ins letzte Detail durchdachten Benutzeroberfläche leicht zu bedienen. Es wird schnell klar, dass hier geübte Programmierer am Werk waren, die ein komplexes, über Jahrzehnte gereiftes Konzept praxisnah umgesetzt haben. Im Vergleich zur Bedienung der Hardware ist man mit dieser gut strukturierten Oberfläche auf dem Bildschirm sogar im Vorteil.

Eine Lernhürde besteht nicht; UltraReverb verführt regelrecht zu eigenen Experimenten. Die durchdachte Funktionalität und die hohe Qualität der Algorithmen führt dazu, dass nach kurzer Zeit bereits die ersten eigenen Entwürfe akustischer Umgebungen entstehen. UltraReverb ist ein mächtiges und vielseitiges Raumsimulatior-Werkzeug, welches zu erkunden Spaß bereitet.

Da ist es begrüßenswert, dass Zwischenstadien auf dem Weg zum ultimativen Hall via Snapshot und/oder Save-Dialog unproblematisch und ohne lästiges Navigieren im Ordnersystem des Rechners abgespeichert werden können. Allerdings kann ein Blick in das ausführlich und gut geschriebene (englischsprachige) Manual helfen, die Funktionsweise und den Signalfluss schneller zu durchschauen und gezielt vorzugehen.

 

Audioqualität und Klang

Die Klangqualität von UltraReverb ist erlesen und überträgt die Firmenphilosophie exklusiver Qualität auf die nativen Ebene. Ob UltraReverb die Qualität des H8000 1:1 abbildet kann ich mangels Vergleichsmöglichkeit nicht beurteilen. Klar ist, dass die Hallprogramme des H8000 im Gegensatz zu UltraReverb mehrkanalfähig sind. Außerdem ist der H8000 ebenso wie seine Vorgängers H3000 und Orville ein luxuriös ausgestatteter Multieffekt, der über ein Modul- und Preset-Archiv verfügt, welches weit über die Ausstattung des UltraReverb hinausgeht.

Das soll uns angesichts des Preises unseres Testkandidaten aber nicht traurig stimmen. UltraReverb klingt rund und organisch und ist in der Lage, sehr ausgewogene Ambiences unterschiedlichster Art, Größe und Materialbeschaffenheit zu simulieren.

 

Anwendungsmöglichkeiten, CPU-Beanspruchung

UltraReverb eignet sich für jede Art der Musikproduktion. Dank geringer CPU-Beanspruchung ist UltraReverb auch für den Live-Einsatz geeignet. Mittels temposynchronem Echo lassen sich abgefahrene groovige Effekte realisieren. Die großzügige Ausstattung mit neun Algorithmen, Hallfahnenmodulation, vier Equalizern, Echo und Kompressor eröffnen neben der Gestaltung natürlich klingender Umgebungen auch eine Vielzahl experimenteller Anwendungen.

Nicht zuletzt stellt UltraReverb auch für die Filmvertonung einschließlich Raumkulissen für Sprache und Geräusche ein breites Spektrum von Ambiences bereit – von Klaustrophobie auslösenden Kleinsträumen wie Metallkisten bis zu Drachenhöhlen.

 

Fazit

Eventides UltraReverb ist ein Multi-Ambience-Generator der Extraklasse. Dafür sorgen nicht weniger als neun verschiedene Hallalgorithmen, die alle ein eigenes Klangspektrum aufweisen.

Die Palette reicht von kleinsten bis zu überdimensionalen Räumen, von Blechkisten bis zum extraterrestrischen Endlos-Hall, welcher dank Modulation in beständiger Transformation gehalten werden kann. Zahlreiche Presets setzen das enorme Leistungsspektrum dieses Ausnahme-Reverbs gekonnt in Szene. Die Audioqualität ist erlesen.

Mit drei interagierenden Reflexionsmodulen, nämlich Diffusion, Early Reflexions und Tail, variabler Raumgröße und einem zusätzlichen temposynchronen Delay, bleibt bei der Gestaltung der Raumakustik kein Wunsch offen. Vier Equalizer erlauben das Modellieren aller denkbaren Materialeigenschaften – vom Öltank über einen gut gedämmten Aufnahmeraum bis zum obligatorischen Dom oder einem verschlungenen Höhlenlabyrinth.

Ein ausgewachsener Kompressor sorgt – je nach Einsatz – für eine Verdichtung des Halls oder für eine hohe Transparenz per Ducking.

Flexibilität schafft neben dem halbmodularen Konzept, bei dem Echomodul und Kompressor vor oder hinter dem Haupthall agieren können, auch die Option, über Snapshots auf die Schnelle zwischen verschiedenen Hallvarianten zu morphen. Das Morphen gelingt dabei ebenso artefaktfrei, reibungslos und spektakulär wie die Animation – etwa der Raumgröße oder der Materialeigenschaften via Equalizer.

Dank vergleichsweise genügsamer Beanspruchung der CPU ist UltraReverb auch für den Live-Einsatz, also den Betrieb bei geringer Latenz, geeignet. UltraReverb ist für alle Genres ohne Einschränkung eine sehr gute Wahl. Das Plug-in liefert ebenso warme, organisch-musikalisch klingende Räume wie temposynchrone, groovige Effekt-Hall-Varianten. Neben der musikalischen Anwendung dürfte UltraReverb auch beim Broadcasting und der Post-Production eine gute Figur machen.

Das Preis-Leistungsverhältnis ist hervorragend.

Wie sich das Produkt im Vergleich unter 14 Hallerzeugern geschlagen hat, erfahren Sie hier.

Top Product Award Best Value Award

Holger Obst

Plus

  • vielseitiger Hall/Echo-Multieffekt
  • erlesene Hallqualität
  • organisch-musikalischer Klang mit Modulation
  • umfangreiche Ausstattung mit Equalizern, temposynchronem Echo und Kompressor
  • halbmodulares Konzept
  • mehr als 300 inspirierende Presets
  • umfangreiche Automationsmöglichkeiten mit Glide-Effekt
  • Snapshots
  • vergleichsweise geringe CPU-Last
  • Unterstützung auch älterer Betriebssysteme
  • sehr faires Preis-Leistungsverhältnis

Minus

Hinweis: Von der Sidechain-Funktion des Kompressors können derzeit nur Benutzer der Formate AAX und AU profitieren. Das VST 2 – Format erlaubt kein Sidechaining. Eine VST 3 – Version ist in Arbeit.

Preis: 169.- EUR

Systemvoraussetzungen

  • Mac OS 10.5: AU
  • Mac OS 10.6: AU, AAX
  • Mac OS 10.7: AU, AAX
  • Windows XP: VST
  • Windows 7: VST, AAX
  • iLok-User Account (iLok Dongle nicht zwingend erforderlich)

Hersteller

Deutscher Vertrieb

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