Test: Sonuscore Lyrical Vocal Phrases

Sonuscore ist als Lieferant hochkarätiger Klassik-Libraries bekannt. Doch neben den orchestralen und cineastischen Instrumental-Klängen bietet der Hersteller mit Sitz in Mainz auch lyrischen Gesang an, der vielfältig verwendet werden kann.

Die Library spricht primär Filmmusikschaffende und Spielevertoner an, besonders wenn es um mittelalterliche oder mediterrane bis orientalische Motive geht, sowohl im Spielfilmformat als auch für Dokumentationen und Mystery/Fantasy. Darüber hinaus kann die Library für klassisch-cineastischen Hollywoodsound verwendet werden, Stichwort: epische Dramen vor weiten Landschaften.

Die Verwendung der Gesangsphrasen beschränkt sich jedoch nicht auf solche Anwendungen. Auch Kompositionen im Song-Format können davon profitieren, insbesondere, weil quasi Song-Abschnitte geboten werden. Wer mit aktueller Pitchshifting- und Timestretching-Software à la Melodyne ausgestattet ist, kann die Phrasen weitgehend unabhängig vom Originaltempo und der Originaltonart verwenden und von der ausdrucksstarken Stimme und ihrer inspirierenden Kraft profitieren. Deshalb schauen wir uns am Ende des Tests ausführlich Bearbeitungen mit Melodyne und auch den Einsatz externer Effekte an.

Recording und Stuidiotechnik

Der Hersteller hat uns mit Audiodemos ausgestattet, welche die unterschiedlichen Facetten der Library verdeutlichen. Eigene Audiodemos folgen im Anschluss.

Audiodemo 1 Sonuscore: Land of Ice

 

Die Library Lyrical Vocal Phrases setzt Native Instruments Kontakt 5 in der Vollversion voraus. Der kostenlose Kontakt Player wird nicht unterstützt.

Im Zentrum steht die Protagonistin Conny Kollet, die mit einer ebenso gefühlvollen, ausdrucksstarken wie glasklaren Stimme Gesangsphrasen (und mehr) zu 17 Themen darbietet.

 

Da echte, fließend vorgetragene Phrasen immer authentischer klingen als aneinandergereihte Silben oder Wörter, hat man auf einen Wortbaukasten zu Gunsten einer Vielfalt von Phrasen verzichtet – insgesamt 300 Verse und etwa zehnmal so viele Samples mit einem Gesamtvolumen von rund 4,4 GB stehen zur Verfügung.

Audiodemo 2 Sonuscore: Our Homeland

 

Gesungen, gesprochen und geflüstert wird neben Latein und Italienisch in Phantasiesprachen: Elfen und Hexen treten auf, auch Gesänge mit typisch ethnischen und mittelalterlichen Ornamenten und Phrasierungen kennzeichnen das Repertoire. Einige Improvisationen bedienen sich dabei ausschließlich Vokalen, die meisten verwenden jedoch real existierende oder erfundene Wörter bzw. Silben.

Audiodemo 3 Sonuscore: Rise of the Sun

 

Die Themen sind in Dur, Moll, Dorisch und speziellen, unorthodoxen Skalen wie Ethno-Dur/Moll eingesungen und entsprechend gekennzeichnet. Den Grundton kann man über Key-Switches (rot eingefärbt) wählen. Alle Phrasen wurden zu unterschiedlichen Tonhöhen eingesungen, und zwar insgesamt in vier Varianten, sodass das Kontakt-interne Pitch-Shifting nie mehr als einen Halbtonschritt aufwärts oder abwärts ausgleichen muss. Und das ist auch sehr gut so, denn nichts hört man schneller heraus, als unnatürlichen, verfärbten Gesang mit verschobenen Formanten. Unser Gehör reagiert auf die menschliche Stimme besonders empfindlich. Während das Pitch-Shifting von Kontakt sich bei diversen Instrumenten bewährt hat, ist es für Gesang nur begrenzt verwendbar. Wir werden noch ausprobieren, wie weit man mit Melodyne kommt.

Audiodemo 4 Sonuscore: In my Dreams

 

Wer auf zum Tempo synchronisierbare Phrasen hofft, wird vielleicht im ersten Moment etwas enttäuscht sein: Es gibt bei Lyrical Vocal Phrases keine Tempo-Synchronisation, wohl aber einen Geschwindigkeitsregler, mit dem man manuell eine Tempoanpassung herbeiführen kann. Letztlich ist man mit diesem Regler freier, wenn es um bestimmte Betonungen und das Dehnen und Stauchen einzelner Silben geht. Und schließlich ist die Library nicht zentral auf dancetaugliche Nummern ausgerichtet, sondern zielt eher auf epische, freie Gesänge und Improvisationen. Das folgende Audiodemo des Herstellers zeigt allerdings, dass die Improvisationen auch im Kontext tanzbarer Kompositionen verwendet werden können:

Audiodemo 5 Sonuscore: Uvadivivere

 

Die folgende Mini-Komposition steht wiederum im Zeichen eines mediterranen bis orientalischen Einflusses:

Audiodemo 6 Sonuscore: With Honor

 

Lyrical Vocal Phrases kann mit vielerlei Instrumenten harmonieren. Sonuscore selbst hat mit Action Strikes, Action Strings, Emotive Strings, The Orchestra, Symphony Series Percussion und Trinity Drums eine ganze Reihe von Instrumenten auf der Basis von Native Instruments Kontakt (Player) im Programm, die das instrumentale Fundament für die lyrischen Gesänge liefern können. Einige dieser Instrumente haben wir bereits für Sie getestet.

 

Bedienung

Lyrical Vocal Phrases ist weitgehend selbsterklärend. Ungeachtet dessen gibt es ein englischsprachiges Manual (PDF), welches alle Unklarheiten beseitigt.

Ganz oben sieht man die Wellenform der Phrase, die zuletzt angewählt wurde bzw. aktuell gespielt wird. Ein Laufbalken visualisiert beim Abspielen in Echtzeit die Position, an der man sich gerade befindet.

Links sind die erwähnten 17 Themen aufgelistet. Ausgefüllte Kästchen bedeuten, dass man das jeweilige Thema bereits in den Arbeitsspeicher geladen hat. Dieser wird dynamisch verwaltet. Man kann ihn mit 4,34 GB füllen, wenn man den gesamten Inhalt der Library laden möchte. Klickt man erneut auf ein volles Kästchen, so werden die Phrasen des jeweiligen Themas wieder aus dem Arbeitsspeicher entfernt. Zwischen allen geladenen Themen kann man per Key-Switch wechseln. Dabei handelt es sich um die rot eingefärbten Tasten ab C5 (roter Pfeil):

Sobald man ein Thema lädt, wird der betreffende Key-Switch rot markiert. Entfernt man das Thema wieder, wird er weiß. Hat man mehrere Themen geladen, kann man allerdings nur anhand des als aktiv gekennzeichneten Key-Switches auf der virtuellen Klaviatur und anhand der Liste nachzählen, mit welchem Thema man aktuell operiert. Eine Kennzeichnung des aktuell gespielten Themas innerhalb der Liste würde die insgesamt gute Übersichtlichkeit noch etwas verbessern.

Den Geschwindigkeitsregler haben Sie bestimmt auch entdeckt (mittig neben der Themenliste). Ihn kann man auch per Rechtsklick und MIDI-Lerndialog über einen externen Controller steuern und mitten im Thema verwenden.

Die Geschwindigkeitsanpassung reicht von 75 bis 125% und gelingt artefaktfrei, sofern man sie einigermaßen sanft einsetzt und nicht plötzlich, also innerhalb weniger Millisekunden, das Tempo drastisch verändert. Wir kommen noch darauf zurück.

Schon beim ersten Antesten der Phrasen fällt auf, dass diese sehr sauber und rauschfrei aber auch sehr leise, also mit einer ordentlichen Portion Headroom aufgenommen wurden. Man kann hier also noch sehr gut mit Transienten-Tools, Equalizern, Enhancern und Kompressoren ans Werk gehen, ohne Gefahr zu laufen, Übersteuerungen zu produzieren.

 

Die Key-Switches

Die roten Tasten ganz links dienen zur Wahl des Grundtons bzw. der Tonart. Hat man ein Moll-Thema geladen und spielt C1, so singt Conny in C-Moll. Bei den gesprochenen und den geflüsterten Phrasen entfällt die Notwendigkeit des Transponierens; somit findet man hier auch keine roten Transpose-Key-Switches.

Nun stellt sich die spannende Frage, was die blauen, grünen, gelben und zartroten Tasten bedeuten:

Alle Themen verfügen über eine Struktur mit Intro bzw. Openings (blaue Tasten), Mittelteil (gelbe Tasten) und Endings (zartrote Tasten). Dazwischen liegen in Grün kürzere Phrasen, die (von links nach rechts) ebenfalls für den Mittelteil und die Endings oder für die Übergänge zwischen beiden gedacht sind. Die Phrasen sind also bereits sortiert. Man kann ein Thema von links nach rechts einspielen und erhält dadurch einen gewissen Spannungsaufbau und eine Art Song-Struktur.

 

Effekte

Werksseitig ist eine ordentliche Portion Hall aktiviert. Diesen findet man auf der FX-Seite:

Neben einem Vierband-Equalizer und einem temposynchronen Echo, hat man die Wahl zwischen fünf Impulsantworten für den Faltungshall. Wer mit dem internen Hall mehr machen möchte, klickt auf das Schlüsselsymbol oben links (das ist der Eingang zum Edit-Menü von Kontakt), öffnet die Ansicht der Insert Effects und findet hier den Convolution Reverb. Den kann man nun auch rückwärts ablaufen lassen oder ihm eine Hüllkurve mit Ankerpunkten zuweisen:

Man kann aber auch einfach den internen Hall als ressourcenschonende Alternative für die Einspielphase nutzen und beim Abmischen einen externen Raumsimulator hinzuziehen.

Damit hätten wir die technische Seite fast abgearbeitet. Es gibt bei den Effekten noch einen „Mystique“ – Taster, der mysteriöses Zauberwerk auf den Plan ruft. Dahinter verbirgt sich ein Chorus, weitere, experimentelle Impulsantworten, die abwechslungsreiche Effekte beisteuern, und eine Stereoverbreiterung. Ganz nett, dieser Taster, der bisweilen ausgedehnte Experimente mit externen Effekten einsparen kann. Das folgende Demo ist mit „Mystique“ aufgenommen:

 

Die Gesangsphrasen in der Praxis

Nachdem wir uns zu Beginn einige Demos des Herstellers angehört haben, folgen nun ein paar eigene Experimente.

Im folgenden Audiodemo habe ich Passagen aus Sacred History verwendet. Für den Gesang kommen als externe Effekte Eventide UltraTap und Zynaptiq Adaptiverb zum Einsatz. Die Rhythmik stammt aus Sonuscore Action Strikes (Instrument: Heartbeat). Als externe Effekte für das Herzklopfen habe ich von Soundtoys die Amp-Simulation Radiator, das Echo Crystallizer (hier im Rückwärts-Betrieb) und den EQ Sie-Q verwendet. Die Effekte habe ich langsam eingeblendet. Sie reichern die dumpfen Trommelschläge mit granularen Geräuschen an und transformieren das dumpfe Pochen in einen Maschinensound.

Die Dramaturgie entsteht aus dem Kontrast zwischen der sanften, engelsgleichen Stimme, die über dem düsteren, maschinenähnlichen Hintergrund schwebt. Dabei fällt gar nicht auf, dass der Gesang nicht exakt temposynchron ist.

 

Diesen Ansatz habe ich etwas weiter ausgearbeitet und

  • den Herzschlag-Beat mit FabFilter Saturn etwas angeraut. Saturn wird passagenweise ein- und ausgeblendet.
  • Den Gesang habe ich mit Sonnox VoxDoubler gedoppelt und mit Adaptiverb geisterhafte Harmonien in der Hallfahne erzeugt. Wie das geht, habe ich im Test zu Adaptiverb beschrieben.
  • Weitere Harmonien entstammen der Avox Harmony Engine von Antares, die ich in der zweiten Hälfte eingeblendet habe.
  • Die Gesangspassagen habe ich mit Melodyne Studio 4 bearbeitet, um mehr Bezug zur Rhythmik herzustellen. Einzelne Silben habe ich dabei stark gedehnt.
  • Um die Stimme weiter anzureichern habe ich auch Antares Duo über einen Effektweg beigemischt. Dass beim Gesang die Konsonanten nun deutlicher hervortreten und allgemein der Anfang von Wörtern oder Silben präziser zu hören ist, ist Eventides Omnipressor zu verdanken.
  • In der zweiten Hälfte kommen eine Bassdrum und eine Triangel aus NI/Sonuscore Symphony Series Percussion zum Einsatz, zudem steuert u-he Repro-5 eine Synthie-Fläche bei. Als Effekt für Repro-5 habe ich Unfiltered Audio Indent 2 verwendet.
  • Im Masterkanal wirkt einzig Eventide / Newfangled Audio Elevate.

 

„Field of Barrows“ ist eine Sammlung gesprochener Verse mit mysteriösem Touch, hier mit Klangmalereien im Hintergrund (Sonuscore Trinity Drums, Toontrack EZdrummer UK Pop, Ueberschall Astral Electro Flux und Clavia Nord Lead):

 

Die Stimme von Conny Kollet verfügt über Ausstrahlung und Suggestivkraft, mit angenehm dosiertem Nahbesprechungseffekt und detailreich jedoch frei von Störgeräuschen, Pop-Lauten oder überbetonten Zischlauten. Das trifft auch auf die beiden anderen Patches mit gesprochenen Versen zu. Als Bonusmaterial gibt es noch „Geflüstertes“, wobei hier nicht wirklich geflüstert wird; vielmehr klingen die Passagen nach hexenhaften Beschwörungsformeln. Hier ein Beispiel mit eingeschaltetem „Mystique“ – Effekt:

 

Vokal-basierter Gesang, ebenfalls nur mit dem internen „Mystique“ – Effekt:

 

Weitere Anwendungsbeispiele – Melodyne und externe Effekte

Nachdem Lyrical Vocal Phrases in puncto Klangqualität und Umfang an Phrasen die volle Punktzahl erhält, wollen wir sehen, was man mit externen Mitteln machen kann. Allem voran interessiert es, wie sich die Samples bei der Bearbeitug mit Melodyne verhalten. Dazu habe ich vier Passagen aus dem Thema „Merciful Mother“, Tonart: Ethno-Dur, eingespielt, und zwar einen Opener, ein Mittelteil, ein kurzes Fill und ein Ending. Zusammen mit einem Beat von Toontracks EZdrummer 2 (Kit: UK Pop EZX, Grooves: Post Rock) hört sich das Ganze zunächst so an:

 

Der Gesang schwebt dank des internen Faltungshalls über den Drums. (Diese habe ich übrigens mit dem Echo Replika XT von NI und dem Eventide Omnipressor bearbeitet.)

Dass der Gesang nicht temposynchron ist, fällt nicht weiter unangenehm auf. Man nimmt ihn als freie Improvisation wahr, und es reicht, dass die Verse jeweils zu Beginn eines Taktes starten. Trotzdem wollen wir hier ausprobieren, welche Ergebnisse mit dem internen Speed-Regler und mit externer Pitch/Time-Software möglich sind.

Mit dem Speed-Regler habe ich versucht, die getragenen Teile des Gesangs, also die langgezogenen Vokale, zu dehnen. Hier habe ich die betreffenden Stellen eingekreist:

 

Das Ergebnis hört sich so an:

 

Das ist nicht ganz befriedigend. Zwar entstehen keine Artefakte im Sinne von Verfärbungen, durch das Dehnen der sowieso nicht energiereichen Stellen im Sample hat man aber das Gefühl, dass der Gesang hier an Durchsetzungskraft oder schlicht an Lautstärke einbüßt. Eine Geschwindigkeitserhöhung, also ein Stauchen der Samples, führt insbesondere bei lauten Passagen zu einer spürbaren Pegelerhöhung. Der Regler ist daher eher geeignet, die Geschwindigkeit statisch oder in Pausen zu variieren, also ohne Animation während des Playbacks.

Die Samples sind jedoch vorbildlich trocken und fehlerfrei aufgezeichnet. Das sind ideale Voraussetzungen für eine Bearbeitung mit Spezialsoftware. In meinem Fall ist das Melodyne 4 Studio.

In Melodyne 4 Studio kann man sogar den Beat analysieren und dessen Groove als Referenz für das Timing des Gesanges verwenden.

Vor der Analyse durch Melodyne schalte ich die internen Effekte ab und lösche die Animation des Speed-Reglers, der jetzt wieder bei neutralen 100% steht.

Nach der Analyse durch Melodyne sieht die Gesangslinie – noch unbearbeitet – so aus:

Da die Sängerin hier keine deutlich abgesetzten Silben singt und keine Pausen innerhalb einer Passage auftreten, nimmt Melodyne überall dort, wo zu einer neuen, für ein gewisses Zeitfenster stabilen Tonhöhe gewechselt wird oder wo drastische Tonhöhenwechsel vorliegen, Trennungen vor. Diese Trennungen liegen alle nicht auf den Rasterlinien (hier: Achtel). Die deutlichsten Abweichungen habe ich in der Abbildung oben markiert. Die Tonart C-Dur-Ethno wird von Melodyne übrigens als A-Dur interpretiert.

Passt man den Gesang der Referenz des zuvor analysierten Beats an, so schiebt Melodyne alle Notenanfänge auf ein 16tel-Raster. So sieht es zumindest auf den ersten Blick aus. Erst wenn man stark hineinzoomt, erkennt man, dass einige Notenanfänge leicht versetzt quantisiert sind (rote Pfeile), andere hingegen exakt im Timing (grüner Pfeil):

Melodyne überträgt hier die feinen Timing-Abweichungen des Drummers. Das wird an einigen Stellen deutlich, wo Drum-Hits (die orangeroten „Blobs“ in der folgenden Abbildung) und Notenanfänge des Gesangs (graue „Blobs“) synchron starten:

Der Gesang hört sich nun so an …

 

… nachdem ich einen Plattenhall aus Exponential Audio Nimbus hinzugefügt habe. Eine dramatische Veränderung zum nicht-quantisierten Demo ist nicht wahrzunehmen. Wenn man genau hinhört, bemerkt man aber, dass die Tonhöhenänderungen immer synchron zum Beat stattfinden. Drummer und Gesang wirken zusammen und spielen nicht mehr nebeneinander her.

Hier habe ich einige Silben stärker gedehnt, was sich immer noch natürlich anhört:

 

Die Melodyne-Bearbeitung habe ich kopiert, und aus der Kopie einen Tenor erzeugt, also die Stimme um eine Oktave nach unten transponiert und die Formanten angepasst (mit Melodyne). Diesen Tenor habe ich dann mit einem harmonischen Hall versehen. So etwas gelingt mit dem Harmonic Contour Filter von Zynaptiq Adaptiverb (mehr dazu im Test zum Adaptiverb). Beide Stimmen hören sich jetzt zusammen so an:

 

Das nächste Audiodemo zeigt, dass mit Melodyne auch stärkere Dehnungen und extremere Transponierungen möglich sind. Sie hören zwei Verse aus „Mi Destino“ in G-Moll. Conny Kollet lotet hier die höchsten Lagen ihres Soprans aus. Jeder der beiden Verse liegt in drei Versionen vor: 1. Original, 2. Time-Stretching einzelner Silben, 3. starke Transponierung.

 

Damit aus dem Vibrato kein Leiern wird, muss man es bei starken Dehnungen minimieren und dazu falls nötig langgezogene Noten mit Vibrato am Ende teilen, das Vibrato reduzieren und anschließend den Tonhöhenübergang zwischen den beiden Notensegmenten glätten.

Vorher:

Nachher:

Als Effekte kamen in der Insert-Kette nach Melodyne der Noceltech Vocal Enhancer (subtil dosiert), der Sonnox VoxDoubler („Widen“) und Exponential Audio Nimbus zum Einsatz.

Hier habe ich die zuvor veränderten Passagen auf Achtel hart quantisiert, mit iZotope Nectar 2 noch weitere Harmonien (in G-Moll) hinzugefügt, einen Beat aus Action Strikes eingespielt und in der Summe Newfangled Audio / Eventide Elevate verwendet. (Das Transienten-Modul mit 26 frequenzabhängigen Transienten-Fadern aus Elevate ist wirklich einzigartig und hilft an unserem Beispiel, Details der Drums herauszuarbeiten, ohne den Gesang ungewollt zu beeinflussen.)

 

Fazit

Die Lyrical Vocal Phrases von Sonuscore überzeugen

  • durch eine ausdrucksstarke und vielseitige Stimme,
  • ein breites Angebot an 17 Themen,
  • jeweils mit Opener, Mittelteil und Ending in vielen Variationen, längeren und kürzeren Passagen, die man gut zu einem Arrangement kombinieren kann,
  • durch eine aufwändige Ausstattung pro Thema mit mehreren echten Phrasen zu verschiedenen Grundtönen. So ist man bei der Wahl der Tonart flexibel.
  • Neben Latein und Italienisch gibt es Phantasielyrik, Vokal-basierte Improvisationen, gesprochene und (hexenhaft) geflüsterte Passagen.

Die Library eignet sich vor allem für cineastische und epische Filmmusik und die Spielevertonung im Mystery/Fantasy-Genre. Auch ethnische und mittelalterliche bis orientalisch angehauchte Kompositionen können davon profitieren.

Die Phrasen liegen in hervorragender Audioqualität vor und sind sauber und fehlerfrei aufgenommen. Bei manchem Mitbewerber muss man tieffrequente Störgeräusche beseitigen, wie sie auftreten, wenn gegen das Stativ gestoßen wird, zu dominante Zischlaute begradigen oder Knackser restaurieren. Das ist hier alles nicht erforderlich. Die Stimme ist glasklar und detailreich.

Die Phrasen können in der Geschwindigkeit geregelt und damit einem Tempo in etwa angepasst werden. Eine taktgenaue Temposynchronisation wird hingegen nicht angeboten, so dass sich die Gesänge eher für freie Improvisationen eignen, weniger für stark rhythmusbetonte Kompositionen. Da das Ausgangsmaterial aber absolut trocken vorliegt, eignet es sich hervorragend für die Bearbeitung durch Melodyne oder andere Pitch/Time-Software. Auch externe Effekte vom Harmonie-Generator bis zu Delays und Echos aller Art können eingebunden werden.

Extras wie etwa eine Ausstattung mit zwei Mikrofonen, ein virtuelles Legato beim Wechsel zwischen den Phrasen, ein Wort- oder Silbenbaukasten oder gar ein Silben-Sequencer, wie man ihn bei manchem Mitbewerber findet, gibt es hier nicht. Auch Stimmeffekte und Stimm-Geräusche wie etwa Atem-Samples, Mouth-Percussion und mehr sind nicht an Bord. Mancher Mitbewerber ist da recht erfinderisch, auch ungeniert und liefert sogar ein paar Rülpser mit. Ungeachtet dessen vermisst man hier solche Extravaganzen nicht wirklich. Hauptsache, die Stimme berührt das Herz der Zuhörer und bereitet tontechnisch keine Probleme – und beides ist hier der Fall.

Die mitgelieferten Impulsantworten und der Multi-Effekt „Mystique“ passen gut ins Konzept getragener, schwebender Gesänge und können über die Einspielphase hinaus auch als finale Effekte verwendet werden.

Unterm Strich erhält man eine breit angelegte, inspirierende und geschmackvolle Sammlung an Gesangs-Themen, mit denen man etliche Kompositionen bestreiten kann. Der Preis ist ausgesprochen fair.

Testautor: Andreas Ecker

Plus:

  • große Auswahl ausdrucksstarker Phrasen für verschiedene Themen und Songabschnitte
  • Anpassung an diverse Tonarten ohne Verfärbung des Klanges
  • exzellente Audioqualität
  • cineastischer Multieffekt „Mystique“ per Knopfdruck
  • trockene Samples eignen sich hervorragend für externe Pitchshifting/Timestretching-Software und Effekte

Minus:

  • Animation der Geschwindigkeitsanpassung bei laufendem Playback führt zu Pegelveränderungen.

Preis: 99.- EUR (UVP)

System:

Vollversion von NI Kontakt 5

Hersteller: Sonuscore

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