Interview: Peter M. Mahr

Wie es zum Titel „LP“ kam

 

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Warum eine CD?

 

Peter M. Mahr:

Das Medium CD schien mir da am besten geeignet zu sein. Ein USB Stick hätte einfach nicht das geboten, was mir in Bezug auf zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten vorschwebte. Um aber auf den Titel der CD zu kommen, die Idee stammt von Michael (Holzer). Ihn und seine Frau Judith darf ich seit den Tagen der Andre Heller Webseite zu meinen Freunden zählen.

 

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Wie kam es dazu?

 

Peter M. Mahr:

Die Geschichte zeigt, welche Zufälle es im Leben sind, die Menschen zusammenführen. Es muss so um 2002 gewesen sein, gerade als ich für meinen besten Freund Ernst (Hefter) die Filmmusik zu „Twice“ abgeschlossen hatte und Michael vom Heller Management mit der Entwicklung der Andre Heller Webseite beauftragt wurde. Die von Michal gestaltete Seite war eine der schönsten im Netz.

Soweit ich mich erinnere, war die ursprüngliche Idee die, für die Musik zur Webseite keinen geringeren als Brian Eno zu gewinnen. Da gab es dann aber offenbar Schwierigkeiten. Und zu dieser Zeit war ich mit meiner gerade fertigen CD da, und durch meine damalige Frau entstand der Erstkontakt zu Judith, Michaels Frau. Es kam zu einem Treffen, und die Chemie hat zwischen uns von der ersten Sekunde an gepasst. Und so kam ich dazu, gemeinsam mit Michael für Andre Hellers Webseite die Musik zu gestalten. Meine ursprüngliche Idee mit einem „A“ als Grundton zu beginnen, um das sich klanglich alles herum abspielt und dann die fertige Aufnahme über die Zeit langsam auf H zu pitchen war zwar „spannend“ aber nicht umsetzbar [lacht]. Heute denke ich noch gerne daran, da wir viel Spass hatten und ziemlich schnell zum Ziel kamen.

Die Seite war lange online, bis sie eines Tages, nachdem Heller schon lange ein anderes Management hatte, durch eine neue ersetzt wurde.

Um aber wieder auf meine CD zurück zu kommen. Da sich diese ja um mich dreht, wollte ich mit einer Audiocollage, oder „Klangmalerei“ wie ich es lieber nenne, beginnen, die die 50 Jahre auditiv darstellen sollte. Der Arbeitstitel war „The L of P“, was schon als Arbeitstitel so lala ist [lacht]. Vielleicht als Erklärung, das „L“ stammt aus dem Lateinischen für 50, und sollte meine andere Seite zumindest andeuten, und das P steht natürlich für meinem Vornamen.

 

releasetime:

Ah, interessant. Wo andere mit Worten spielen, spielst du mit Buchstaben … Dann hätte man doch auch bei „The „L of P“ bleiben und das „the“ und „of“ grafisch so absetzen können, dass zunächst „LP“ ins Auge springt … O.k. – Wie ging es weiter?

 

Peter M. Mahr:

Als ich mit Michael dann das erste Mal sprach und ihn mit der Idee zum Stück und dem Titel konfrontierte, meinte er sofort „ich habe da eine … dumme Idee“… worauf ich erwiderte „das wäre das erste Mal, lass hören“… „was hältst du davon, die CD „LP“ zu nennen?“. Ich war baff, weil die Idee einfach genial war! Michael weiß ja auch ob meiner Neigung zu Wortspielereien, und von daher war es in mehrerlei eine hervorragende Idee. Gleichzeitig war ich aber auch erstaunt darüber, dass diese Idee die ganze Zeit vor meiner Nase lag, ich aber unfähig war diese zu sehen. Ich fühlte mich in meiner Entscheidung bestätigt, und was Michael und 86/60 mit der Artwork zur CD ablieferten war weit besser als ich es mir ausmalen konnte.

 

releasetime:

Ja, in der Tat. Das Booklet hat Stil, eine echte Perle in meinem Regal. Ganz abgesehen von der Musik fasst man gern nach dieser CD, die ja eigentlich eine LP ist – oder umgekehrt.

Wie bist Du an die Umsetzung von „LP“ herangegangen?

 

Peter M. Mahr:

Ursprünglich wollte ich 5 Spuren zu jeweils 10min aus meinem Alltag aufnehmen, diese in der DAW verfremden und mischen.

 

releasetime:

Eine wirklich tolle Idee. Mit Field-Recording oder eher als rein instrumentale Interpretationen?

 

Peter M. Mahr:

Da war ich mir zu Beginn selbst nicht im Klaren. Zunächst dachte ich an Field Recording und das Verfremden der Spuren. Dazu hätte ich aber so einiges bei meinem Rechner ändern müssen, da die letzte Software, die ich gerne für derartige Zwecke verwendet habe, von Prosoniq stammt, aber schon lange nicht mehr auf meinem Mac läuft. Damit war klar, es sollte eine Mischung werden. So habe ich zu Beginn ein wenig „experimentiert“ nur um dann feststellen zu müssen, dass mir zwar die Idee gut gefiel, das Ergebnis jedoch überhaupt nicht zum Rest der CD gepasst hätte. Ich wollte dann doch nicht mit etwas eher Experimentellerem beginnen, quasi einen Stil vorgeben, der sich auf der gesamten CD nicht wieder findet. So entschied ich mich für eine andere Vorgehensweise. Die Aufnahmen, die ich bis dahin aufgezeichnet hatte, habe ich aber teilweise eingebaut.

In „LP“ hat nahezu jeder Ton und jeder Klang eine Bedeutung, selbst der Zeitpunkt des Einsetzens und die Dauer. Als zwei stellvertretende Beispiele seien die Naturaufnahme und die sphärischen Streicher genannt.

 

 

releasetime:

Solche „bedeutungsvollen strukturellen Elemente“ oder soll ich sagen: „versteckte Muster“ sind ja eigentlich ein Teil künstlerischer Größe, auf die in der U-Musik allerdings fast komplett verzichtet wird … Kannst Du das vielleicht etwas genauer erklären?

 

Peter M. Mahr:

Das ist jetzt etwas zu viel der Ehre [lacht]… Die Naturaufnahme stammt aus der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Als Kind wuchs ich in einer Gegend auf, in der Kinder noch Natur erleben konnten. Neben der Lobau, einer Auslandschaft am östlichen Rande von Wien, war das die Donauinsel. Diese Aufnahmesession war schon alleine eine amüsante Erfahrung. Ich bin mit dem Zoom Rekorder und aufgepflanztem Mikro ausgerüstet mitten in einen nicht leicht zugänglichen Bereich marschiert, habe die Beine in den Boden gestampft und „Record“ gedrückt. Als ich zu Hause ankam und mir dann die Aufnahmen angehörte habe, fiel mir erst auf, wie ruhig es ganz zu Beginn war und wie mit Fortdauer die Vögel begonnen haben sich offenbar über meine Anwesenheit auszutauschen [lacht].

 

releasetime:

Großartig. So haben die Vögel regelrecht an der Komposition mitgewirkt.

 

Peter M. Mahr:

[lacht] Sie haben unwissentlich zu einer Steigerung beigetragen,… so habe ich es noch gar nicht betrachtet. Aus meiner Erzählung kann man wahrscheinlich schon erkennen, wie viel Freude mir diese Aufnahme bereitet hat. Da ich wie erwähnt in meiner Jugend dort Zeit verbracht habe und auch später immer wieder dort war, zieht sich die Aufnahme über das gesamte Stück hindurch.

Wenn man beim Hören von „LP“ die Uhr im Auge behält, dann fällt vermutlich auf, dass sich minutenweise die Ereignisse ablösen. Da war ich nicht sonderlich einfallsreich, denn jede Minute steht für ein Jahrzehnt und in einem von ihnen tritt dieser eigenwillige Streicherklang mit seinem fast aggressiven, sphärischen Effekt auf.

Die Geschichte dazu ist die: Mein alter Herr hat mich über längere Zeit immer wieder ins Wiener Konzerthaus mitgenommen. Wobei ich das jetzt sehr diplomatisch formuliert habe. Denn zu Hause gab es Klassik und dann am Wochenende auch noch Konzerte… kurzum, ich habe es irgendwann gehasst. Damals. Aus heutiger Sicht bin ich meinem Vater dankbar… schade eigentlich, dass ich ihm das nie gesagt habe. Ok, sorry. Jedenfalls rührt meine extrem hohe Affinität zu Streichern daher. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Liebe zu Padsounds darin ihre Wurzel hat. Warum dann aber der sphärische Anteil? Nun, damals bin ich über Walter, heute Wendy Carlos, und Jean Michel Jarre aus dieser von zu Hause vorgegeben Musikwelt ausgebrochen. Wer die ersten Platten von Jean Michel Jarre kennt, der weiss dann auch sofort warum „sphärisch“.

 

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